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...dann kann er was erzählen ! Wie wahr ! Vor allem aber, dass alle guten Vorsätze ganz schnell über Bord zu werfen sind ! 

Man möge sich vorstellen, dass eine „gemütliche Reise“ sich so entwickelt, dass man einfach zu nichts mehr kommt ! Wie ? Ganz einfach: Das Auge, ja auch Fenster und Nahrungsquelle der Seele entwickelt mit ungeheurer Dynamik einen Hunger, der nach ständigem Stillen schreit ! Kaum dass ich mich in einen der wenigen stillen Ecken an Bord zurückgezogen habe, um über meine Eindrücke zu berichten, schreit es: „Leg’ das Diktiergerät beiseite und lass’ die Umgebung auf Dich wirken!“  Oder kaum dass ich mich für eine Ruhepause zurückgezogen habe, schreit es schon wieder: „Hey, Du verpasst was! Geh’ raus und genieße dieses Mahl, das Dir die Natur hier zubereitet hat!“ 


Ich fühle mich teilweise wie ein Schwamm, der all diese Eindrücke durstig aufsaugt! Das Auge findet in diesen wunderbaren Landschaften Ruhe....der Farbkontrast blauer Himmel, dunkelgrüne Laub- und Nadelwälder und das im Sonnenlicht glänzende Wasser vermitteln eine natürliche und unberührte Harmonie. Die unendlichen Weiten liessen auch bis in unsere Zeit nicht zu, dass der Mensch sein zerstörerisches Werk vollbringt. Kleine Dörfer und Provinzstädtchen mit überwiegend aus Holz gebauten Häusern fügen sich in perfekter Symbiose in die Natur ein. Auf einer Strecke von rund 1.500 km Wasserwegen – das ist die Gesamtstrecke die ich von St. Petersburg nach Moskau befuhr – kann man diese allerdings an beiden Händen abzählen.

Dieses  Land ist einfach zu groß, um durch die Respektlosigkeit des Menschen vor dem Werk der Natur so zerstört zu werden, wie wir es in unserem engen West-Europa praktiziert haben und nach wie vor tun.  




Das westliche Russland ist durchzogen von weitverzweigten Wasserwegen, sei es in Form von natürlichen Flussläufen, sei es von den, diese verbindende, künstlich angelegten Wasserkanälen. Um dies zu schaffen, und um die großen Städte mit Trinkwasser zu versorgen, wurden im Verlauf der letzten 50 – 100 Jahre Stauseen angelegt, wie der Ladogasee, der Onegasee, der weiße See, um nur die größten zu nennen. Die Menschen dort leben mit diesen Wasserwegen, nutzen sie für Transporte und auch in ihrer Freizeit. Unendlich viele kleine Datschas säumen die Ufer und in der warmen Jahreszeit wird dort gezeltet, gefeiert und gelebt. In den Abendstunden wird getanzt und so manch fröhliche Melodie schallte zu unserem Schiff herüber. 

Die traditionelle Musik ist voller Lebenslust und Freude, ja schon fast ausgelassen – Balalaika und Akkordeon sind die klassischen Instrumente. Die Musik in den nordöstlichen Gebieten hingegen ist melancholisch, tragend und schwermütig. 

Ausserhalb der grösseren Städte ist das Leben für die Menschen sicherlich besonders mühsam, wenn von Oktober bis März/April die Flüsse und Seen bei Temperaturen von –20°C. - -40°C. zugefroren sind. Die Natur wir unter Schnee begraben und eine unendliche Stille breitet ihre Flügel über das Land aus. 

Vielleicht sind es ja besonders diese Kontraste, die das ausmachen, was wir unter der russischen Seele verstehen. 

Ebenso kontrast- und facettenreich ist auch die Geschichte dieses riesigen Landes, die sich widerspiegelt, wenn man die großen Städte besucht und auf dem Wege von der zaristischen Hauptstadt des 18. Jahrhunderts, St. Petersburg, zur leninistischen und heutigen Hauptstadt, Moskau, die altrussischen Städte, Dörfer und Klöster besucht.





Es ist kaum zu glauben! Ein riesiges Sonnendeck auf der MS Konstantin Fedin in der warmen Abendsonne und ich bin allein. Alle übrigen Passagiere sind entweder im Zirkus oder zum Shoppen....
 

Es ist diese Einsamkeit, die mir gut tut...die mich inspiriert, die mich aufatmen lässt...eine Einsamkeit, die Fülle, Inhalte gibt. Die mich zu mir selber kommen lässt. Sicherlich hatte ich in den letzten 10 Tagen auch immer wieder einmal das Gefühl der schmerzenden Einsamkeit, obwohl auf dieser Reise wundervolle Menschen – Ruth, Waltraud und Herbert – meinen Lebensweg kreuzten. Doch jetzt, in diesem Moment, empfinde ich mit mir selber allein eine ungeheure Wärme, Fülle und Zufriedenheit. Es ist mir gelungen, mir selber auf dieser Reise wieder etwas näher zu kommen. Den vielen neuen Einflüssen in meinem Leben in den letzten 5 Jahren aktive Inhalte zu geben. 

So frage ich mich seit Tagen, warum mir das Monet Bild „Seine bei Aignières“ die Tränen in die Augen trieb, mich tief betroffen hat. Nicht Tränen des Kummers, sondern Tränen des Glückes. Vielleicht muss ich dorthin reisen, um es herauszufinden. Irgendetwas muss dort sein, was mich im Innersten berührt. 

„Der Weg zu uns selbst führt nur über die Meilensteine unserer eigenen Vergangenheit“ ....fällt mir gerade dazu ein....

 

Die letzten 10 Tage waren erfüllt von russischer Geschichte, der Geschichte des Zarenreiches.

Nun, hier in Moskau......während der Stadtrundfahrt Gebäude, Monumente des früher und heute...Moskau, eigentlich sehr viel geschichtsträchtiger als St. Petersburg und die anderen Stationen unserer Reise. Aber es kommt mir vor wie ein Zeitsprung. Wie sagte Napoleon: „Mit Kiev bekomme ich die Füße Russlands, mit St. Petersburg den Kopf, aber mit Moskau sein Herz!“

Vielleicht kann ich seine Aussage nachempfinden, wenn ich morgen den Kreml etc. von innen besichtigen konnte. Im Moment empfinde ich es eher umgekehrt.  

Auf unserem Tagesplan steht als heutiges Motto der wohlbekannte Spruch „Carpe Diem!“ .... was bedeutet mir diese Aussage ? Ja, den Tag genießen, doch Genuss nicht nur im römischen Sinne „Singen, Tanzen, Essen, Spaß haben“, sondern auch, und zwar gleichbedeutend, dem Geist Nahrung zu geben.  So gesehen waren die letzten Tage außerordentlich genussvoll für mich.


                                    ;-)
 

Ja, sogar die römischen Genüsse fanden unerwartet  Erfüllung ;-) .... der russische Sprachunterricht war verbunden auch mit dem Singen. Und so haben wir singender Weise auch ein „tschut-tschut“ von dieser Sprache gelernt: Stenka Rasin, Wischernij swon und natürlich Kalinka.

Der deutsch-russische akademische Chor „Fedins Nachtigallen“ hatte, man höre und staune, 2 Auftritte. Es war einfach köstlich und hat irre viel Spaß gemacht. Nichts desto trotz haben wir, allerdings mehr oder weniger ernsthaft, einige russische Sprachwendungen gelernt, Zahlen und die üblichen Höflichtkeitsfloskeln. Damit ausgerüstet konnte ich meine russischen Geschäftsfreunde heute am Telefon in ihrer Sprache begrüßen. Die Freude darüber war offensichtlich sehr groß. Morgen werden sie mir ihr Moskau zeigen, worauf ich mich natürlich schon von Beginn der Reise an gefreut habe.




Copyright Bilder und Text GD




 

 
   
   
   
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